Verhält Ihr Sohn sich manchmal ängstlich? Geht er Angebern aus dem Weg und meidet Rangeleien? Herzlichen Glückwunsch, Sie haben einen Sohn, der auf seine Gefühle hört, seine Grenzen kennt und seinen Impulsen folgt. Unguten oder sogar gefährlichen Situationen aus dem Weg zu gehen ist eine kluge Reaktion, die besonders Jungen viel Mut und Selbstbewusstsein abfordert. Und der Eltern Respekt zollen sollten.
Seien wir ehrlich: Wie alle sind stark geprägt von traditionellen Rollenmustern und stecken voller Erwartungen an unsere Kinder. Nach wie vor wollen wir unsere Söhne zu starken, leistungsfähigen und mutigen Menschen erziehen, auf die wir stolz sein können. Nur: Was verstehen wir darunter? Was bedeutet es überhaupt, „stark“ zu sein? Ein selbstkritischer Blick tut Not. Mütter und vor allem auch Väter sollten sich damit beschäftigen, was sie eigentlich von Ihren Söhnen erwarten. Und vor allem: Warum überhaupt?
Was heißt schon „stark" sein?
Bedeutet stark zu sein, immer „funktionieren“ zu müssen? Keine Gefühle zeigen zu dürfen? Immer tapfer zu sein? Nie zu weinen?
Oder bedeutet stark zu sein, selbstbewusst eigene Wege zu gehen? Eine eigene Meinung zu entwickeln und zu vertreten? Zu seinen Bedürfnissen, Ängsten und Nöten auch stehen zu können?
Was bedeutet es, „mutig“ zu sein?
Bedeutet mutig sein, seine eigenen Grenzen permanent zu übergehen? Sich Situationen auszuliefern, denen man nicht gewachsen ist? Heißt mutig zu sein nicht eher, zu sich und seinen Gefühlen zu stehen? Heißt mutig sein nicht auch, rechtzeitig für sich, seine Sicherheit und sein Wohlgefühl zu sorgen, besonders wenn dies auf unpopuläre Weise geschieht und „uncool“ wirkt?
Wer einen dauerhaft ängstlichen Sohn hat, wird sich vielleicht trotzdem Sorgen machen. Doch auch dann gilt: Versuchen Sie ihn nicht zu verändern. Gut gemeinte Sätze wie: „Da kann doch gar nichts passieren“ verharmlosen das Problem Ihres Sohnes. Auch mehr oder minder abfällige Bemerkungen wie „Weichei“ oder „Du bist doch ein Junge“ sind Kränkungen, die Sie Ihrem Kind unbedingt ersparen sollten.
· Stehen Sie zu ihm, so wie er ist. Machen Sie aber keine Festschreibungen wie „Du bist halt ein ängstliches Kind.“ Kein Mensch ist immer nur ängstlich. Und ängstlich zu sein ist auch keine unabänderliche Charaktereigenschaft. Gehen Sie lieber dazu über, das konkrete Verhalten in einer Situation zu beschreiben: „Da hast du dich zurückgezogen, weil du Angst hattest.“ Das schärft den Blick dafür, dass der Junge in anderen Situationen keine Angst hat und befreit ihn von der Rolle des „ewigen Angsthasen“.
· Akzeptieren Sie seine Gefühle. Respektieren Sie seine Sorgen, auch wenn Sie Ihnen unrealistisch oder fremd vorkommen.
· Hören Sie genau hin, was er Ihnen erzählt und auf andere Weise signalisiert.
· Zollen Sie ihm Anerkennung dafür, dass er so mutig ist, seine Ängste zu benennen! Belohnen Sie seine Offenheit! („Ich finde das mutig von dir, dass du mir das erzählst“).
· Bestärken Sie ihn, weiterhin auf seine Grenzen zu achten und loben Sie ihn dafür, dass er eine so gute Selbstwahrnehmung hat. („Toll, dass du das so schnell gemerkt hast.“) Sie fördern seine psychische Entwicklung damit ganz wunderbar!
· Haben Sie Geduld. Ein Kind hat noch viele Zeit und Möglichkeiten, sich zu verändern, zu entwickeln und ganz neue Seiten an sich zu entdecken.
So werden Sie auf Dauer das Selbstwertgefühl Ihres Sohnes stärken und ihn dadurch letztlich ermutigen, neue Schritte zu wagen. Und wenn Ihnen das schwer fällt, überdenken sie Ihr eigenes Verhältnis zu Gefühlen. Sind Sie selber bereit, Gefühle zuzulassen und zu zeigen oder sind Sie geneigt, Bedürfnisse und unerwünschte Emotionen zu unterdrücken, damit alles „funktioniert“? Manchmal können wir an unseren Kindern genau das nicht ertragen, was sie sich gestatten und wir uns nicht! Kinder spiegeln oft unsere eigenen Unsicherheiten und Unfähigkeiten.
Lassen wir unsere Söhne doch einfach, wie sie sind: Fröhlich, wild, vorsichtig, zögerlich, zart und zurückhaltend oder alles gleichzeitig. Wenn wir Jungen dauerhaft gestatten, auch Sorgen und Ängste zu haben, und endlich aufhören, ihnen diese unerwünschten Gefühle ausreden zu wollen, werden sie ihr volles Potenzial entfalten und zu einer stabilen männlichen Persönlichkeit heranwachsen. Dann sind sie „stark“ im allerbesten Sinne.
Lesetipp:
Gunilla Berström: „Bist du feige, Willi Wiberg“? (Ötinger Verlag)
Willi Wiberg, sechs Jahre alt, mag sich nicht mit anderen Kindern prügeln. Die glauben deshalb, dass er keine Muskeln hat und sich nicht mit ihnen prügeln kann. Aber das stimmt nicht. Willi ist stark. Genauso stark wie die anderen. Er kann schwere Einkaufstüten schleppen, ein ganzes Tablett voller Geschirr tragen, und dicke Zweige bricht er wie nichts in der Mitte durch. Nur prügeln mag er sich nun mal nicht. Ob Willi Wiberg etwa feige ist?
Ein Bilderbuch, das Vorurteile ausräumt und Kindern den Rücken stärkt, auch einmal gegen den Strom zu schwimmen.
© Text und Foto: Felicitas Römer
