Das Internet ist eine tolle Sache. Ich liebe es, in den virtuellen Tiefen herumzuwuseln und mich über die irriwitzigsten Beiträge zu den abgefahrensten Themen zu beömmeln. Ob Kleingärtnersuchmaschine, Umfragen zur Beliebtheit von Wurstsorten oder esoterisches Onlinekartenlegen - langsam wundert einen gar nichts mehr. Und das sind ja nur die harmlosen Auswüchse des postmodernen Vernetzungswahns. Bestenfalls amüsant bis absurd.
Bisweilen unangenehm geht es allerdings in so manchen Mütterforen zu. Wer hier seinem Herzeleid freien Lauf lässt, liefert sich regelrecht aus. Denn im Schutz der digitalen Anonymität sind der Dreistigkeit ja keine Grenzen mehr gesetzt. Hierzu ein kleines Beispiel: Eine offensichtlich aufgelöste Mutter schildert die Probleme ihrer Tochter. Sie komme in der Schule sehr gut mit, sei aber nicht sehr beliebt und habe keine Freundinnen. Sie, die Mutter, sei darüber sehr bekümmert und wisse nicht, wie sie ihrer Tochter helfen könne, mehr Anschluss zu finden. In dem Mütterforum bittet sie deshalb um Anregungen und Tipps.
Ganz böse Sache. Denn prompt fallen andere Forenmitglieder über sie her: Warum sie denn so herausstelle, dass ihre Tochter in der Schule so gut sei? Ob sie wohl meine, sie sei etwas Besseres? Das höre sich irgenwie ja doch arrogant an und überheblich. Dann sei es doch kein Wunder, dass die Tochter isoliert sei. Das kenne man doch, diese intellektuellen, verkopften Kinder, die sozial hinterher hinken, die seien eben oft allein, weil sie so eine unangenehme Art hätten. Andere fragten, ob sie, die Mutter, nicht vielleicht der Tochter mehr Zuwendung geben müsse? Ob es vielleicht an den zu hohen Ansprüchen der Mutter läge, dass die Tochter so gehemmt sei... usw. usw.
Dumm gelaufen! Hier sieht keiner richtig hin, keiner weiß etwas Konkretes, niemand kennt Frau oder Kind, geschweige denn deren Beziehung, aber jeder projiziert hemmungslos eigene Ängste und Aggressionen, viele spielen sich als wissende Richter auf. Unterstellungen, Vorwürfe, anmaßende Bemerkungen und emotionale Grenzüberschreitungen sind in Foren ja keine Seltenheit. Und bevor Sie mir jetzt Verallgemeinerung vorwerfen: Klar gibt es sie, diese Ausnahmen. Menschen, die sich wirklich Mühe geben, etwas Konstruktives beizutragen und wertschätzend zu reagieren. Aber sie sind eben oftmals Ausnahmen.
Doch wer seinen Kummer im Internet postet, muss hartgesotten sein und mit allem rechnen. Mit verständnisvollen Bemerkungen, hanebüchenen Besserwissereien und rasanten Beschimpfungen. Man muss es auch ertragen, als "Schlampe" bezeichnet zu werden, wenn man nebenbei erwähnt, dass man nicht immer Tempotaschentücher im mütterlichen Rucksack herumschleppt.
Also wenn Sie mich fragen: Kochrezepte online auszutauschen oder sich Schnäppchentipps zu geben, finde ich eine prima Sache. Ich rate aber dringend davon ab, ernsthafte Probleme mit den eigenen Kindern im Internet zur Diskussion zu stellen. Eine kompetente Familienberatung ist hier ganz eindeutig die bessere Lösung.
Aber mich fragt ja keiner.