Lange schon vor der Pisa-Pleite und Lotte Kühns „Lehrerhasserbuch“ rechnete der Professor für pädagogische Psychologie Kurt Singer mit dem deutschen Schulsystem ab und forderte Eltern, Lehrer und Schüler zum „konstruktiven Ungehorsam“ auf.
Muss Schule nerven?
Ob Mobbing im Klassenzimmer, Prügeleien auf dem Pausenhof oder Abzockerei; Gewalt an Schulen ist ein allgegenwärtiges Thema. Dabei geht es immer um handfeste Probleme zwischen Schülern.
Dass aber die Schule selbst Gewalt auf Kinder und Jugendliche ausübt, erscheint uns nicht selbstverständlich. Oder halten wir es für „normal“, dass die meisten unserer Kinder Schule bestenfalls lästig oder langweilig, schlimmerenfalls frustrierend finden? Und wenn ja, warum eigentlich? Könnte Lernen nicht auch Spaß machen?
Natürlich könnte es das, meint zumindest Kurt Singer, ehemaliger Lehrer und emeritierter Professor für Schulpädagogik. Gäbe es da nicht Noten und all die anderen Grausamkeiten, die den Kindern die Lust am Lernen und manchmal auch am Leben vermiesen. Denn – so die Ausgangsthese seines Buches: Kinder wollen lernen. Eigentlich. Aber sie wollen auch ernst genommen und achtsam behandelt werden. Darauf haben sie laut Kinderkonvention der UNO auch schließlich ein Recht. Dieses Recht jedoch wird- laut Singer- nicht respektiert: von Schulbehörden nicht, von Lehrern nicht, und von den Eltern ja leider auch oft nicht.
Mehr Achtsamkeit und Demokratie im Umgang mit Schülern
Kurt Singer tritt vehement für das Recht des Schülers auf würdevollen Umgang und humanen Unterricht ein: Er kritisiert kinderfeindliche Verhaltensweisen von Lehrern, bemängelt langweilige Unterrichtsgestaltung und entlarvt gängige Lehrmethoden als lernpsychologisch kontraproduktiv. Angstfreies, demokratisches und kreatives Miteinander sieht er als notwendige Grundlage für sinnstiftenden Unterricht. Gefordert sind hier engagierte Lehrer, die den „konstruktiven Ungehorsam“ gegenüber Vorgesetzten und Schulbehörde riskieren. Gefordert sind aber auch kritische Eltern und mutige Schüler, die Missstände thematisieren. Anhand vieler Beispiele belegt Singer, dass Widerstand sich lohnen kann.
Wider den ganz normalen Wahnsinn an unseren Schulen
Einiges von dem, was der Autor fordert, ist zumindest teilweise an Grundschulen bereits verändert worden: Einzelförderung statt Frontalunterricht, Projektarbeit und Werkstattunterricht, Stuhlkreise und Gesprächsrunden, Lernberichte statt Zensuren.
Fraglich bleibt, ob Singers Buch Kritiker wird überzeugen können. Denn solange Eltern gute Noten und angepasstes Verhalten ihrer Sprösslinge für wichtiger halten als deren Wohlbefinden und Pädagogen völlig ungeniert vom „Schülermaterial“ sprechen, wird die Schüler-Lobby klein bleiben. Umso wichtiger Singers Schrift: ein mutiges Pamphlet für alle, die sich mit dem ganz normalen Wahnsinn an deutschen Schulen nicht einfach abfinden wollen.
Kurt Singer: „Die Würde des Schülers ist antastbar. Vom Alltag in unseren Schulen und wie wir ihn verändern können.“ Rowohlt 1998
© Felicitas Römer

